Das Schicksal des Seggenrohrsängers, in Anbetracht des Krieges: eine internationale Expedition in die ukrainischen Feuchtgebiete

Internationale Expeditionsgruppe im Polesischen Tiefland in der Ukraine

Internationales Monitoring in den polesischen Feuchtgebieten der Ukraine

Im Juni 2025 fand in der ukrainischen Region Polesien eine internationale Expedition statt, um die Vorkommen des Seggenrohrsängers (Acrocephalus paludicola) zu erfassen – Europas seltenster Singvogel und eine weltweit bedrohte Art.

Die Forscher führten das erste detaillierte Monitoring des Seggenrohrsängers in der Ukraine seit fast einem Jahrzehnt durch. Der wichtigste Standort für die Art im Land – das Moor Birky, das zwischen den Flüssen Prypiat und Tsyr in der Nähe des Dorfes Birky im Nationalpark Prypiat-Stokhid (Oblast Wolyn) liegt – wurde auf Seggenrohrsänger-Vorkommen untersucht.

Das Team bestand aus 15 Experten und Freiwilligen aus der Ukraine, Litauen, Deutschland, Frankreich und Belgien. Die Expedition wurde von Dr. Žydrūnas Preikša aus Litauen geleitet, einem langjährigen Mitglied des Internationalen Aquatic Warbler Conservation Teams. Die ukrainischen Teilnehmer erhielten eine praktische Schulung zu internationalen Standardmethoden der Vogelerfassung und Lebensraumbewertung.

Naturschutz unter Druck

Im Jahr 2018 beherbergte das Moor Birky 400 bis 450 singende Seggenrohrsänger-Männchen. Die Expedition im Jahr 2025 offenbarte jedoch einen starken Bestandsrückgang: Es wurden nur noch etwa 20 singende Männchen gezählt und die geeigneten Bruthabitate sind auf etwa 200 Hektar geschrumpft. 88 % des Moores sind mittlerweile mit Weidengebüschen oder Schilf bewachsen und damit stark degradiert. Ein kürzlich ausgebrochenes Frühjahrsfeuer hat die Landschaft weiter beschädigt.

Die Forscher erfassten die Seggenrohrsänger-Männchen abends auf 1–2 km langen Transekten und untersuchten am frühen Morgen weitere Vogelarten der Feuchtgebiete. Sie dokumentierten auch die erheblichen Veränderungen der Vegetation und identifizierten eine Reihe davon betroffener Vogelarten, darunter die Bekassine, die Doppelschnepfe, den Kranich, den Rohrschwirl und den Karmingimpel.

Dr. Preikša beschrieb die Situation als trostlos: „Ich kehrte mit schwerem Herzen aus der Ukraine zurück. Es waren nicht nur die sichtbaren Zeichen des Krieges – es war auch der Zustand der Feuchtgebiete, die für den Seggenrohrsänger so wichtig sind. Weite Seggenwiesen sind nun von Sträuchern überwuchert, einige davon durch die jüngsten Brände versengt. Die Region ist außergewöhnlich trocken.“

Grundlagen für die Wiederbelebung schaffen

Obwohl die Region nicht direkt von militärischen Aktivitäten betroffen war, hat der Krieg dennoch Spuren hinterlassen. Da viele Bewohner weggezogen sind, blieb die Weide- und Mahdnutzung der Seggenwiesen aus, was zu einer fortschreitenden Vegetationssukzession geführt hat. Die Expedition hat deutlich gemacht, wie dringend notwendig es ist, die Lebensräume wiederherzustellen und lokale Gemeinschaften einzubeziehen.

Die Expedition war der Startschuss für ein langjähriges ökologisches Monitoring: Entomologen stellten Malaise-Fallen auf, um die lokalen Insektenpopulationen zu untersuchen – die wichtigste Nahrungsquelle für den Seggenrohrsänger. Diese Untersuchungen werden bis zum Ende des Projekts mehrfach wiederholt, damit Wissenschaftler verfolgen können, wie sich Schutzmaßnahmen auf die Umwelt der Vögel auswirken.

Die ersten Arbeiten zur Lebensraumwiederherstellung im Birky-Moor werden im Herbst 2025 beginnen und sich auf die Entfernung von Sträuchern und Schilf konzentrieren, damit der Lebensraum der Seggenrohrsänger nicht noch weiter schwindet.

Hoffnung durch Zusammenhalt

Die Expedition machte deutlich, dass Naturschutz selbst in Zeiten des Krieges weitergehen kann. Sie brachte Spezialisten und Freiwillige über Grenzen hinweg zusammen – vereint durch das gemeinsame Ziel, die Artenvielfalt zu schützen und die Chance auf das Überleben des Seggenrohrsängers zu wahren.

Die endgültigen Monitoringdaten müssen noch ausgewertet werden, aber eines ist klar: Der Weg in die Zukunft erfordert Zusammenarbeit, schnelles Handeln und Engagement für die Wiederherstellung der fragilen Feuchtgebiete in Polesien.

Die beschriebenen Aktivitäten in der Ukraine fanden statt im Rahmen des länderübergreifenden Projekts “LIFE4AquaticWarbler”.

 

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