Die Küken des seltenen Seggenrohrsängers finden in Žuvintas ein sicheres Zuhause

Žymantas Morkvėnas, Projektmanager von „LIFE4AquaticWarbler“, im Einsatz während der Translokation

Mit dem Ziel, die Population des seltenen Seggenrohrsängers im litauischen Biosphärenreservat Žuvintas wiederherzustellen, ziehen Naturschützer derzeit hier seine Küken auf. Die jungen Seggenrohrsänger wurden von Feuchtwiesen im Nemunas-Delta am anderen Ende Litauens gerettet, wo ihr Überleben durch frühes Mähen oder intensive Beweidung ernsthaft bedroht war.

„Dieser Frühling war sehr außergewöhnlich. Aufgrund der anhaltenden Kälte und Trockenheit begannen die meisten Seggenrohrsänger-Weibchen erst spät mit dem Nisten, blieben lange Zeit versteckt und verhielten sich ungewöhnlich. Der Seggenrohrsänger ist ein außergewöhnlich scheuer Vogel, und das Auffinden seiner Nester erfordert viel Geduld und Aufmerksamkeit. Sobald jedoch die Küken zu schlüpfen begannen, identifizierten wir gefährdete Nester und brachten sie an einen sicheren Ort“, sagt Žymantas Morkvėnas, Leiter des Baltic Environmental Forum Lithuania und Projektmanager von “LIFE4AquaticWarbler”.

Eine Erfolgsgeschichte unter schwierigen Bedingungen

Das litauische Team schulterte den gesamten Translokationsaufwand erfolgreich, obwohl er sich statt wie geplant von vier auf acht Wochen ausdehnte. Insgesamt wurden durch das Translokationsteam 11 gefährdete Nester mit 53 Küken im Nemunas-Delta geborgen und nach Žuvintas transportiert. Nach 2 Monaten mit vielen Herausforderungen, langen Arbeitstagen und wenig Schlaf lautet die erfreuliche Bilanz, dass 52 Küken großgezogen werden konnten und sich nun an ihr neues, sicheres Zuhause in den Mooren von Žuvintas gewöhnen. Alle Jungvögel wurden mittlerweile in Volieren im Freien untergebracht und die meisten von ihnen in die Wildnis entlassen; nur ein Nest bleibt noch bis voraussichtlich Freitag in Pflege. Die Jungvögel kehren noch zur Futteraufnahme und zum Unterschlupf in die Volieren zurück, zeigen aber bereits ermutigende Zeichen der Anpassung an das Leben in der Wildnis.

Vorbereitungen für die Fütterung der Küken
Vorbereitungen für die Fütterung der Küken

Den Verlust eines Vogels musste das Team leider hinnehmen: während des routinemäßigen Wiegens entkam ein Küken und starb an seinen Verletzungen. „Das war für uns alle emotional sehr schwer“, berichtete ein Teammitglied, „aber wir haben zusammengestanden und weitergemacht. Momente wie diese gehören zum Naturschutz dazu, auch wenn nicht oft über sie gesprochen wird.“

Die Wiederherstellung einer fragilen Population

Die Translokationsbemühungen zielen darauf ab, eine stabile Seggenrohrsänger-Population in Žuvintas aufrechtzuerhalten. Obwohl die Moore vor Ort nach wie vor geeignete Bedingungen für die Art bieten, konnte sich die Population nicht mehr auf natürlichem Wege erholen und ist in den letzten Jahren auf 6 bis 20 singende Männchen zusammengeschrumpft. Damit ist sie vom kompletten Verschwinden bedroht.

Beringung umgesiedelter Seggenrohrsänger
Beringung umgesiedelter Seggenrohrsänger

Die Translokationsmethode kam in Litauen zum ersten Mal in den Jahren 2018 und 2019 zum Einsatz, als 99 junge Seggenrohrsänger umgesiedelt wurden. Viele von ihnen kehrten nach dem Überwintern in Afrika an ihren Auswilderungsort zurück und belegten damit die Effektivität der Methode. Inspiriert von diesem Erfolg sind Translokationen mittlerweile auch in Polen gestartet sowie in Deutschland und Ungarn geplant.

Die diesjährige Translokation in Litauen testete zum ersten Mal die Herangehensweise, Küken aus der vergleichsweise kleinen und empfindlichen Population im Nemunas-Delta zu entnehmen, die selbst nur 200 bis 300 Männchen umfasst. Dabei wurden ausschließlich Nester ausgewählt, die durch die Landbewirtschaftung von Zerstörung bedroht waren. Küken, die am Ort ihres Schlüpfens keine Überlebenschance gehabt hätten, kamen so der Stärkung einer anderen Population zugute.

Ein Symbol lebendiger Ökosysteme

Der Seggenrohrsänger ist eine der seltensten Vogelarten in Europa und hat im letzten Jahrhundert einen Populationsrückgang um 95 % erlitten. Brutvorkommen gibt es heute in nur noch vier Ländern – in Belarus, in der Ukraine, in Polen und in Litauen. Dort aber, wo es dem Seggenrohrsänger gut geht, wühlen sich auch viele andere Arten wohl. Vom Schutz dieser einen Vogelart profitieren also ganze Moorökosysteme.

Mit 52 starken Seggenrohrsänger-Küken, die wieder in die Natur zurückgekehrt sind, ist die diesjährige Translokationsaktion in Žuvintas ein Lichtblick in einer schwierigen Saison – ein Beweis dafür, dass Engagement, Zusammenarbeit und Durchhaltevermögen Hoffnung schaffen können, auch wenn es die Natur einem nicht leicht macht.

Mehr zur Translokation erfahren

Factsheet about Aquatic Warbler translocation

Die Translokation in Litauen gehört zu den Aktivitäten des Projekts „LIFE4AquaticWarbler“. 

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