Erfahrungen & Ergebnisse aus zwei Phasen der Seggenrohrsänger-Translokation

Seit mehreren Jahren arbeiten europäische Naturschützer daran, den stark gefährdeten Seggenrohrsänger mittels Translokation vor dem Aussterben zu bewahren.

Die bisherigen Translokationsbemühungen lassen sich zu zwei Phasen zusammenfassen, in denen verschiedene Ziele im Vordergrund standen: in der ersten Phase (2018 – 2019) lag der Schwerpunkt auf der Erprobung der Translokation als Schutzstrategie, während seit der zweiten Phase (2023 – 2024) auf die Stärkung fast ausgestorbener Populationen abgezielt wird.

Was muss man auf sich nehmen, um verletzliche Jungvögel über Grenzen hinweg zu bringen? Unermüdliche Feldarbeit, zahllose Mückenstiche, das pausenlose Füttern hungriger Küken. Werfen wir einen genaueren Blick darauf – und auf die bisher erzielten Ergebnisse.

Stufe 1: Die allererste Seggenrohrsänger-Translokation überhaupt – eine Erfolgsgeschichte

In den Jahren 2018 und 2019 fand die weltweit erste Translokation von Seggenrohrsängern statt: einhundert Küken aus der größten bekannten Population im belarussischen Zvaniec-Moor wurden in eine kleine und stark rückläufige Population im litauischen Žuvintas umgesiedelt. Es war ein bahnbrechender Schritt, da eine Umsiedlung dieser Art zuvor noch nie versucht worden war.

Die Ergebnisse waren von Beginn an vielversprechend: von den einhundert umgesiedelten Küken konnten 99 großgezogen und in Žuvintas ausgewildert werden. Bereits 2019 wurde der Erfolg der Translokationsmethode deutlich: 22 % der umgesiedelten Seggenrohrsänger kehrten aus den Überwinterungsgebieten an ihren Auswilderungsort zurück – ein Anteil, der den natürlichen Rückkehrraten anderer langstreckenziehender Singvögel entspricht. Ein Beleg für eine erfolgreiche Anpassung an ihre neue Heimat war darüber hinaus, dass umgesiedelte Weibchen in Žuvintas ihre eigenen Jungen aufzogen.

2020 kehrten sechs Seggenrohrsänger (3 weibliche und 3 männliche) nach Žuvintas zurück, die 2019 dorthin umgesiedelt worden waren. Dazu kamen drei Männchen, bei denen die Translokation 2018 erfolgte. Dank dieser Translokationserfolge war die lokale Seggenrohrsänger-Population in Žuvintas im Jahr 2020 so groß wie niemals zuvor.

Im Jahr 2021 wurden noch drei umgesiedelte Seggenrohrsänger-Männchen in Žuvintas wiederentdeckt, davon eines aus der Translokationsgeneration von 2018. Bedenkt man, dass ein einzelner Seggenrohrsänger etwa drei bis vier Jahre lebt, sind also einige der Vögel, an deren Lebensanfang eine Translokation stand, für den Rest ihres Lebens immer wieder in ihre neue Heimat zurückgekehrt. 2022 schließlich wurden in Žuvintas keine der umgesiedelten Vögel mehr nachgewiesen, was darauf hindeutet, dass sich der anfängliche Anstieg der Populationsgröße allmählich wieder umkehrte und weitere Translokationsdurchgänge nötig wären, um eine stabile Populationsgröße wiederherzustellen.

Die Erfahrungen aus dem ersten Translokationsversuch wurden in einem wissenschaftlichen Artikel in der Fachzeitschrift Animal Conservation veröffentlicht und liefern wertvolle Erkenntnisse für zukünftige Initiativen.

🎥 Die Geschichte der ersten Phase der Translokation kannst du dir hier ansehen.

Stufe 2: Erste Schritte zur Stärkung der fast erloschenen Pommerschen Population

Aufbauend auf den Erfahrungen der ersten Phase begann 2023 die zweite Stufe der Translokationsbemühungen, dieses Mal in Polen. Die Zielsetzung liegt nun nicht mehr nur darin, die Methode der Translokation zu testen, sondern sie zur Stärkung der fast ausgestorbenen Seggenrohrsänger-Population entlang der polnisch-deutschen Grenze anzuwenden.

In den Jahren 2023 und 2024 wurden insgesamt 103 Seegenrohrsänger-Küken aus den weiten Mooren des Biebrza-Nationalparks entnommen und in die renaturierten Feuchtgebiete bei Rozwarowo umgesiedelt. 83 von ihnen konnten großgezogen und ausgewildert werden. Während der ersten Erfolgskontrolle in der Brutsaison nach der Translokation wurden fünf der umgesiedelten Seggenrohrsänger (2 weibliche und 3 männliche) in Rozwarowo wiederentdeckt. Eine Fortsetzung des Monitorings soll weitere Erkenntnisse über den Translokationserfolg liefern.

Fest steht, dass eine über zwei Jahre laufende Translokation nicht ausreicht, um eine vollständige Wiederherstellung der Population zu erreichen. Deshalb soll diese Translokation erst der Beginn langfristiger Bemühungen sein. Wie unsere eigenen Modellierungsergebnisse andeuten, müssen über viele Jahre hinweg Vögel hinzukommen, um eine sich selbst erhaltende Populationsgröße wiederherzustellen. Basierend auf Erfahrungen bei anderen Sperlingsvögeln ist von mindestens vier bis fünf Jahren Translokation auszugehen, bis eine lokale Population wieder nachhaltig stabil ist.

🎥 Die Geschichte der zweiten Phase der Translokation kannst du dir hier ansehen.

Stufe 3: Verstetigung der Bemühungen und Ausweitung der Forschung

Vitalij Jakovich während der Seggenrohrsänger-Translokation in Polen. Foto: Žymantas Morkvėnas
Vitalij Jakovich während der Seggenrohrsänger-Translokation in Polen. Foto: Žymantas Morkvėnas

Die Translokationsbemühungen zur Stärkung der Pommerschen Population werden in den kommenden Jahren fortgesetzt, um auf beiden Seiten der polnisch-deutschen Grenze langfristig wieder überlebensfähige Populationen zu etablieren. In Polen sind ab 2025 drei weitere Translokationen geplant, in Deutschland werden fünf Translokationen stattfinden. Insgesamt soll die Pommersche Population durch die Umsiedlung von mindestens 500 Seggenrohrsängern unterstützt werden.

Gleichzeitig wird die Translokation auch im litauischen Žuvintas wieder aufgenommen – nicht mehr, um die Methode auszuprobieren, sondern um aktiv die dortige Population zu stärken. Dabei wird ein neuer Ansatz verfolgt: das Herkunftsgebiet der Jungvögel ist das Nemunas-Delta im Westen Litauens, wo es eine stabile, aber nur relativ kleine Seggenrohrsänger-Population gibt. Zur Translokation werden ausschließlich Nester ausgewählt, die durch eine frühe Wiesenmahd gefährdet sind. Das Translokationsprogramm in Litauen wird sich über fünf Jahre erstrecken und soll mindestens 230 Vögel umfassen.

Dr. Martin Flade bei der Ausrüstung von Seggenrohrsängern mit Geolokatoren, die zur Erforschung der Zugrouten dienen. Foto: Klaus Nigge
Dr. Martin Flade bei der Ausrüstung von Seggenrohrsängern mit Geolokatoren, die zur Erforschung der Zugrouten dienen. Foto: Klaus Nigge

Eine einjährige Translokation ist zudem in Ungarn geplant, um mehr über die Zugrouten und die Überwinterungsgebiete der dortigen Seggenrohrsänger-Population zu erfahren. Die Art war in Ungarn vor einigen Jahren sehr plötzlich ausgestorben, weil die mehrere hundert Männchen umfassende Population aus bisher ungeklärter Ursache nicht mehr in die letzten Brutgebiete im Land zurückkehrte. Eine führende Hypothese lautet, dass Umstände auf ihren Zugrouten oder in ihren Überwinterungsgebieten für den Kollaps der Population verantwortlich sein könnten. Die Translokation von Seggenrohrsängern nach Ungarn und die anschließende Aufzeichnung ihrer Zugbewegungen sind ein Versuch, diesem Erkärungsansatz auf den Grund gehen. Das Ziel ist, mindestens 30 junge Seggenrohrsänger in Ungarn auszuwildern und mithilfe von Geolokatoren ihre Zugrouten und Überwinterungsgebiete zu identifizieren.

Insgesamt, so die Vision, soll die Translokation von 760 Jungvögeln über vier Staaten hinweg zur Wiederbelebung von mindestens sechs Seggenrohrsänger-Populationen führen. Naturschützer, Wissenschaftler und die Menschen vor Ort arbeiten gemeinsam daran, diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen, damit der Seggenrohrsänger eine Zukunft hat.

📩  Abonniere unseren Newsletter, um über die Translokationsaktivitäten informiert zu bleiben:
https://aquaticwarbler.eu/#newsletter

Die ersten beiden Phasen des Seggenrohrsänger-Translokationsprogramms wurden im Rahmen des Projekts LIFE MagniDucatusAcrola umgesetzt. Die dritte Phase ist Teil des neuen Projekts LIFE4AquaticWarbler. Beide Projekte werden finanziert durch das LIFE-Programm der EU sowie durch weitere Fördermittelgeber.

No comments!

Write a review

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert